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Tandem-Fahrtechnik - Notbremsungen: eine Anleitung

von Bill McCready, Santana-Tandems

 english version

Original: How to: emergency stops by Bill McCready
Übersetzung: S. + D. Bettge

Tandem-Notbremsungen: Drei verbreitete Einschränkungen

Einschränkung eins: Die Bremsen selbst. Es sollte möglich sein, ein oder beide Laufräder des voll beladenen Tandems zu blockieren, und zwar auch dann, wenn die Hände kalt und ermüdet sind. Wenn das nicht möglich ist, dann ist es Zeit einen kritischen Blick auf Bremsen, Bremsbeläge, Bremshebel, Züge und Außenhüllen und auch auf die Felgen zu werfen.

Einschränkung zwei: Die Fähigkeit, die Bremsen weiter anzuziehen, während das Gehirn NEIN, NEIN, NEIN schreit. Für jeden Radfahrer ist es schwer, die gewohnte Brems-Modulation zu überwinden. Die Solorad-Erfahrung lehrt, die hintere Bremse zu benutzen und dann die vordere, wenn eine bestimmte Verzögerung überschritten werden soll. Die Vorderradbremse eines Tandems fest genug zu ziehen, dass das Vorderrad blockiert, mag zuerst selbstmörderisch erscheinen. Aber die wirkliche Gefahr besteht darin, Tandem zu fahren ohne zu wissen, wie das geht.

Einschränkung drei: Bei einer Vollbremsung trägt die vordere Bremse eines Tandems 80 % zur gesamten Bremsleistung bei. Das ist eine Bremsleistung, die ungefähr drei bis fünf Mal so hoch ist wie bei einem Solorad. Angenommen also, ein Tandem hat angemessene Bremsen und der Captain hat die Fähigkeit sie zu benutzen - dann ist die dritte Einschränkung das Fahrverhalten. Da ich Mark Bulgier kenne, kann ich sagen, dass er überdurchschnittlich groß ist. Und jeder überdurchscnittlich große (und schwere) Fahrer wird Marks Bericht bestätigen: Ein Solorad mit einer flexiblen Gabel kann bei Vollbremsungen angsteinflößend sein. Die Gabel schwingt! Ein Fahrer von weniger als 70 kg wird das Problem nicht bemerken - eine Bremsung, die hart genug ist, um Gabelschwingungen anzuregen, wird einen leichten Fahrer einfach über den Lenker werfen.

Da die meisten Tandemfahrer (inklusive Tandem-Bauer) niemals die Grenzen des Bremsverhaltens ausgetestet haben, können sie weiterhin mit reinem Gewissen behaupten, ihre Bremsen seien "wirklich stark" und ihre Gabeln seien "wirklich steif".

Der Punkt ist, dass ich nicht über Tandemfahrer und ihre Räder scherzen will. Es MUSS gesagt werden, dass schnelle Verzögerung ein wichtiger Sicherheitsaspekt ist - wie einen Helm zu tragen. Wo ich jetzt gerade darüber nachdenke - Bremsen ist noch wichtiger als das Tragen eines Helms. Für mich selbst gesprochen: In 30 Jahren intensiven Radfahrens habe ich nur einmal meinen Kopf getroffen (eine Mountainbike-Solo-Tour zerschmetterte meinen Giro) - aber in der gleichen Zeit habe ich des öfteren erfolgreich Vollbremsungen gemacht, um Unfälle zu verhindern (meist Autos, die meinen Weg kreuzten). Das Nicht-Tragen eines Helms vergößert die Chancen, im Krankenhaus zu landen, aber wenn man ein Tandem nicht schnell genug bremsen kann, findet sich dazu noch der Stoker in der Notaufnahme wieder.

Also, wie lernt man effizientes Bremsen?

Wie manche bereits vermutet haben mögen (weil sie gelernt haben, wie man ein Motorrad oder sogar ein Auto mit ABS wirksam zum Stehen bringt), braucht man angemessene "tandemspezifische" Übung, um in einer unfallträchtigen Situation plötzlich anzuhalten.

Material: Das eigene Tandem, einen Satz Reifen, den man sowieso austauschen wollte, eine gute Standpumpe, Reifenheber, einen großen leeren Parkplatz (am besten einen mit einem Gefälle von 2-3%), einen Stoker, der genauso schwer, tatkräftig und furchtlos wie man selbst ist [hier Tim Allens Grunzlaute einfügen], und zwei Stunden, in denen der reguläre Stoker sowieso etwas anderes vorhatte. Der beste Trainingspartner wäre ein anderer Captain, der bereit ist, mit einem die Kosten für einen neuen Satz Reifen zu teilen. Wozu die Standpumpe und die Reifenheber? Wegen Unregelmäßigkeiten in der Felge werden die meisten Bremsspuren (skids) in einem bestimmten Reifenabschnitt auftreten. Während der Übungsstunde wird man den Reifen gelegentlich markieren und (auf derselben Felge) ein Stück weiterrücken müssen um zu verhindern, dass er ein Loch bekommt.

Erste Lektion - Beherrschung des Hinterrad-Blockierens. Man nutzt das Gefälle um eine Geschwindigkeit von 40 km/h zu erreichen, bevor man die Hinterradbremse lediglich dazu benutzt, eine lange Bremsspur zu erzeugen. Man beachte, dass der Radstand des Tandems (und der Verzicht auf Einsatz der vorderen Bremse) verhindern, dass das Rad beim Blockieren des Hinterrads seitlich ins Schlingern kommt.

Das Hinterrad sollte auf der Stelle blockieren - es zählt nicht, wenn das Tandem schon halb zum Stehen gekommen ist, bevor die Hinterradbremse hinreichend fasst, um den Reifen zum Durchrutschen zu bringen. Weil es einfacher ist, das Hinterrad zum Blockieren zu bringen, wenn man beide Bremsen gleichzeitig benutzt, ist die ausschließliche Benutzung der Hinterradbremse die einzige Methode um herauszufinden, wie wirksam sie tatsächlich ist.

Als Nächstes muss man lernen, die Bremskraft an der Grenze der Hinterrad-Haftung einzupegeln. Man übt so lange, bis man drei 30 cm lange Bremsspuren hintereinander erzeugen kann.

Zweite Lektion - Beherrschung des Vorderrad-Blockierens. Hierzu muss man sich schon ein wenig überwinden; dieser nächste Teil ist gruselig. Man bedenke, dass ein Tandem mit einem erwachsenen Stoker blockiert statt sich zu überschlagen. In den Jahren, seit ich das betreibe, habe ich niemals einen Captain sein Vorderrad beim ersten Versuch blockieren sehen. Das macht aber nichts. Bei einer bestimmten Bremskraft der Vorderradbremse unterhalb der Kraft, die es zum Blockieren bringt, wird die Gabel sehr aktiv. Wenn man lernt, die Vorderradbremse kräftiger einzusetzen, können Tandems mit unterdimensionierter Gabel bocken wie ein Wildpferd. Wie stark kann sich eine Gabel durchbiegen? Bei billigen Tandems (und Tandems mit Federgabel) kann diese Art von Test Bremsspuren am Unterrohr produzieren.

In mehreren Durchgängen steigert man Können (und Mut) bis zu dem Punkt, an dem man entweder das Vorderrad blockieren kann ODER an dem man die durch die Tandem-Gabel gesetzte Grenze erreicht hat (je schwerer das Team, desto größer die durch die Gabel bedingte Beschränkung). Eine gute Gabel kann leicht die Blockierung des Vorderrads durch ein 180-Kilo-Team aushalten. Eine unterdimensionierte Gabel macht das Tandem durch Zittern und Bocken unkontrollierbar.

Unter der Voraussetzung, dass Bremsen und Gabel die Anforderungen erfüllen, wird man erlernen das Vorderrad prompt zu blockieren. Da man ein blockiertes Rad nicht wirklich lenken kann, sollte man ein anhaltendes Blockieren des Vorderrades vermeiden. Genauso wie mit dem Hinterrad übt man, bis man auch den Einsatz der Vorderrad-Bremse so dosieren kann, dass man drei 30 cm lange Bremsspuren hintereinander auf die Straße malt.

Dritte Lektion - Benutzung beider Bremsen. Weil man lernen will, wie man jedes Rad einzeln bremst, sollte man nicht beide Bremsen gleichzeitig gebrauchen, bevor man die Lektionen 1 und 2 gemeistert hat. Inzwischen könnte man glauben, man sei ein richtiges As [weitere Grunzlaute]. Bereit zu einem Test? Ausgehend von einem Tempo von 50 km/h versucht man, vier aufeinanderfolgende Bremsspuren abwechselnd mit der Vorderrad- und der Hinterrad-Bremse zu erzeugen. Wer seine Tandem-Bremsen mit dieser Kunstfertigkeit dosieren kann, hat das Vertrauen seines Stokers wirklich verdient.

Vierte Lektion - wenn Zeit, Energie und Reifenprofil noch nicht völlig erschöpft sind - einen Wettbewerb veranstalten, wer den kürzesten Bremsweg schafft. Weil diese Übungseinheit lebenswichtige Kohlehydrate verbraucht, kann der Verlierer das Bier kaufen.

In einer früheren Erwiderung erklärte jemand, er würde wirklich keine besseren Bremsen brauchen, weil er nie so leichtsinnig wäre, auf einem Tandem schneller zu fahren als auf seinem Solorad. Ich kann nicht nur darauf verzichten, mit ihm als Stoker zu fahren, er irrt sich auch (Sogar wenn er mit seinem Tandem nur Solorad-Tempo fährt, verhindert das nicht, dass Autos vor ihm auftauchen). Tandemfahren kann wegen des Fahrzeuggewichts, des Radstands und der (potenziellen) Bremskraft ausgesprochen sicher und stabil sein, vor allem bei hohen Geschwindigkeiten und/oder in einer Gefahrensituation. Wenn man Geschick, eine angemessene Ausstattung und eine freie Straße vor sich hat, warum sollte irgendein Tandem-Freak sein Abfahrts-Tempo auf das eines Solorads beschränken? Jan und ich haben auf der linken Spur von Schnellstraßen schon Mengen von Autos überholt, die sich an das alte 55 Mph-Tempolimit hielten - das ist einfach grandios.


D. Bettge; letzte Änderung: 18.07.2002